Düsen Fieber

Düsentriebwerke haben Flugzeugen Geschwindigkeit, Reichweite und Effizienz verliehen. Die Entwicklung des propellerlosen Antriebs war ein rasantes Kopf-an-Kopf-Rennen zweier Forscher, die, ohne voneinander zu wissen, das Reisen für immer verändern sollten.

von Norman Kietzmann Foto: Pratt & Whitney

Wer schnell sein will, der muss sich auch beeilen – ein Grundsatz, der bei weitem nicht nur im Sport, sondern ebenso auf dem Gebiet der Technik gilt. Zeitgleich und ohne voneinander zu wissen, revolutionierten zwei junge Forscher in den dreißiger Jahren das Fliegen. Anstelle eines Propellers, der wie beim Auto mit einem Kolbenmotor in Bewegung versetzt wird, hatten beide etwas Schnelleres im Sinn: Ein Strahltriebwerk, das Luft von vorne ansaugt, verdichtet, zur Zündung bringt und mit hoher Geschwindigkeit durch eine Düse schießt.

Das Ergebnis: Schub von bisher unbekanntem Ausmaß, der Flugzeuge schneller machen würde als der Schall.
Wie viele gute Ideen entstand auch das erste Düsentriebwerk in einer Garage.

Als Hans Joachim Pabst von Ohain, Physik- Doktorand an der Universität Göttingen, 1933 die Idee eines Triebwerks ohne Propeller entwickelte, war er 22 Jahre alt. In einer Werkstatt, in der er seinen Sportwagen regelmäßig zur Inspektion brachte, lernte er den Automechaniker Max Hahn kennen und überzeugte ihn von seinem Vorhaben. Für rund 1000 Reichsmark – seinerzeit ein kleines Vermögen – baute Hahn 1935 das erste Modell des Triebwerks, das von Ohain sogleich in den Räumen der Universität zu testen begann.

Vor allem der Treibstoff bereitete anfangs große Probleme. Anstatt wie vorgesehen in der inneren Druckkammer gezündet zu werden, wurde er mit der Luft nach außen geschleudert.

Gewaltige Flammen schossen aus der Turbine heraus und machten die Tests zu einem wahren Höllenritt für alle Beteiligten. Dennoch erkannte Robert Wichard Pohl, Leiter des Physikalischen Instituts der Universität Göttingen, das Potenzial der Erfindung, die von Ohain 1936 zum Patent anmeldete.

Er verfasste ein Empfehlungsschreiben an den Industriellen Ernst Heinkel, der sich trotz der Unzulänglichkeiten des ersten Modells überzeugen ließ. Wenige Wochen später begannen Hans von Ohain und Max Hahn in den Heinkel-Flugzeugwerken nahe Rostock, ihr Triebwerk weiter zu verfeinern, während ein eigens auf den Düsenbetrieb zugeschnittenes Flugzeug entwickelt wurde. Als die Maschine – angetrieben vom Triebwerk „Heinkel He S3“ – am 27. August 1939 startete, konnte der inzwischen 28-Jährige nicht nur die Tauglichkeit seiner Erfindung unter Beweis stellen. Der Testflug markiert zugleich den Einstieg ins Jet-Zeitalter, das die militärische und ebenso die zivile Luftfahrt verändern sollte.

Dennoch konnte Hans von Ohain den Titel des Düsentrieb-Erfinders nicht für sich allein beanspruchen. Fünf Jahre vor ihm, 1928, hatte der Pilot Frank Whittle in der Zeitung der Royal-Air-Force-Fliegerschule von Cranwall einen Artikel veröffentlicht, in dem er die Idee eines Strahltriebwerks formulierte. Auch er meldete um 1930 mehrere Patente an, wenngleich sich anfangs niemand für seinen Vorschlag interessierte. Erst 1935, nachdem zwei ehemalige Air-Force-Offiziere ihm finanzielle Unterstützung zugesichert hatten, nahm er…

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