The Moment is Eternity

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von Marielle Kreienborg

Wie lang ist für immer? Manchmal ein ganzes Leben, manchmal nur einen Moment. Der Künstler Henri Cartier-Bresson hat den entscheidenden Augenblick, den decisive moment, geprägt, dem die Kamera Dauer verleiht und, der die Essenz der Dinge in einer Momentaufnahme abbildet. In diesem Moment trifft sich Vergänglichkeit mit Zeitlosigkeit.

Schon für Goethe ist der Augenblick Ewigkeit: rund um sein Gedicht „Vermächtnis“ aus dem Jahre 1830, kurz vor seinem Tode, strickt die Ausstellung „The Moment is Eternity“ mit 300 ausgestellten Werken und Objekten von 60 verschiedenen Künstlern aus der Olbricht Sammlung den Extrakt aus dem Ganzen, in diesem Fall die Bandbreite der Fotografie, die sich mit anderen Medien verzahnt.

Auf diese Weise lernen sich in der Ausstellungsfläche im me Collectors Room in Berlin Mitte Werke kennen und lieben, die vor dem Kuratieren durch Annette Kieken nichts voneinander gewusst hatten. Im Fokus der Olbricht Collection steht der Blick auf das Selbst, die Feier des Körpers in seiner ganzen Schönheit, in all seinen Aspekten, mit all seinen Facetten und seiner Selbstinszenierung in der jedoch gleichzeitig immer das Memento mori, die Vergänglichkeit, mitschwingt. Und welches künstlerische Medium wäre besser geeignet, die sich daraus ergebenden Fragen von Zeit und Geschichte zur Diskussion zu stellen als die Fotografie?

Frauen- und Körperbilder von Fotografen wie Jürgen Teller und Helmut Newton treffen im selben exponierten Körper des Models Kristen McMenany aufeinander, Wolfgang Tillmans Kneeling Nude sorgt für Aufsehen, das Motiv des Ecce home zieht sich in verschiedenen Varianten, Dürers Sebastian ist die vielleicht bekannteste, durch die Jahrhunderte und Porträts von einem breit lächelnden Yves Saint Laurent, einer schon etwas verblassten Marilyn Monroe, aber auch einem eher skeptischen dreinblickenden Pablo Picasso fesseln den Betrachter.


August Sanders epochale Studie über den Menschen des 20. Jahrhunderts kreiert durch das Medium Fotografie das Antlitz einer Zeit, das Bild auf eine Gesellschaft jenseits des Individuums und verankerte es im kollektiven Gedächtnis, an dem die Fotografie maßgeblichen Anteil hat. Auf diese Weise begegnen dem Betrachter auf seinem Streifzug große wie kleine, bekannte wie unbekannte Momente der Fotografie.


Die Olbricht Sammlung antizipierte den interdisziplinären Zeitgeist, dem mittlerweile immer mehr große Museen wie das Tate Modern und das MoMA folgen: der Fotografie größere Sichtbarkeit zu verschaffen, indem die Fotografie nicht länger separat, sondern im gleichen Atemzug und Ausstellungsraum wie Design-Objekte, Reinzeichnungen, Malerei oder Skulptur gezeigt wird. Es kommt auf den Moment, nicht auf das Medium an.

The Moment is Eternity
Works from Olbricht Collection
26. 09. 2018 – 01.04.2019
me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht
Augustraße 68, 10117 Berlin

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