call for artists

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November 5, 2022

call for artists

 

Das Jahr 2022 mag für einige düstere Dinge stehen, doch es ist und bleibt das Jahr der Kunst, das mit der Biennale in Venedig, der Documenta in Kassel und der Manifesta in Prishtina gleich drei der größten internationalen Kunstausstellungen zusammenbringt. Für diejenigen, die sowohl die Documenta als auch die Manifesta verpasst haben, bleibt noch der Goldene Herbst, um sich auf den Weg nach Venedig zu machen, der Hauptstadt Venetiens, auch ohne die Biennale immer eine Reise wert. Quality hatte das große Glück und Privileg alle Veranstaltungen besuchen zu können und es sind zum einen die kleinen und großen Überscheidungen vielmehr aber die Gegensätze, oder besser Besonderheiten, die jeder Ausstellung ihre Berechtigung und ihren Zauber verleiht.

Venice Biennale 2022 Catalogue

 

Die Eröffnung der Biennale in den Giardini ist geradezu skurril. Rund um den Rasen sind orangefarbene Fernrohre installiert, durch die man auf das Dach des Zentralpavillons blicken kann, wo Cosima von Bonin eine Reihe von Skulpturen aus Cartoon-Meerestieren aufgestellt hat. Es ist, als ob die Ausstellung den Betrachter auffordert, von unserer gegenwärtigen Situation in die Fantasie zu blicken.

Cosima von Bonin , © Roberto Marossi

 

Während die letzte Ausgabe der Biennale von Venedig, die von Ralph Rugoff kuratierte Ausstellung „May You Live in Interesting Times“ aus dem Jahr 2019, zeitgemäß eine düstere, elegische Schau voller Vorzeichen einer untergehenden Zivilisation war, schien sich durch das Auftreten noch düsterer Hiobsbotschaften das Credo der diesjährigen Biennale aufgrund des nahtlosen Aufkommens von noch mehr Vorboten des zivilisatorischen Zusammenbruchs seinem Schicksal zu fügen. Aber dem war bzw. ist nicht so. Trotz allem fühlt sich die 59. Biennale, mit der Kuratorin Cecilia Alemani, die Anfang 2020, als die Pandemie Italien mit aller Wucht treffen sollte, ernannt wurde, viel leichter an, viel heller, voller Mythen, Farben und buchstäblicher Magie. Nicht umsonst trägt sie den poetischen Namen „The Milk of dreams“. Wie Alemani in dem Interview sagt, das den fast 800-seitigen Mammutkatalog der Ausstellung eröffnet, „ist dies trotz des Klimas, das sie geprägt hat, eine optimistische Ausstellung, die die Kunst und ihre Fähigkeit, alternative Kosmologien und neue Existenzbedingungen zu schaffen, feiert“.

Aus einer Vielzahl von Aspekten wirkt „The Milk of Dreams“ wie gemacht dafür, als ein Orientierungspunkt in Erinnerung zu bleiben, erforscht und kontrovers diskutiert zu werden. So steckt sie voller Überraschungen, ist andererseits ungewöhnlich ganzheitlich und kohärent in den riesigen Räumen der Biennale. Sie wirkt wie eine Synthese vieler aktueller Diskussionen in der Kunst: das Interesse am Spirituellen und Mythischen; die Rückbesinnung auf historische Künstlerinnen; die Aufmerksamkeit für das Erbe und die anhaltende Relevanz des alternativen Surrealismus; die Konzentration auf die Aufhebung kolonialer Denkstrukturen durch die Kunst. Aber gleichzeitig fühlt sich „The Milk of Dreams“ wie eine singuläre Vision von Alemani an, mit Bedacht ausgewählt, voller Ecken und Kanten.

Der Ausstellung liegt ein Schwerpunkt auf gelebter Körperlichkeit zugrunde, der sich in einem ansprechenden Rhythmus bewegt, mit viel Raum für Gespräche zwischen dem Gesehenen und Erlebtem.

Im Arsenale erreicht der Besucher am Ende eines langen Ganges mit Barbara Krugers Untitled (Beginning/Middle/End) einen Höhepunkt. In ihrem typischen Stil eröffnet sich dem Zuschauer pures Unbehagen durch monumentalisierte bedrohliche Texte, von denen man von allen Seiten umgeben wird. Ihr Werk erstreckt sich über den Boden, die Wände und die Säulen innerhalb des Raums und schafft so eine Wuchtigkeit, der man sich kaum entziehen kann. Ein großer Kontrast zum Anfang des Arsenals, der von der gigantischen Bronzestatue „Brick house“ von Simone Leigh, der Darstellung eines riesigen Frauenhybrids ohne Augen, der anders als Kruger Erhabenheit und Verehrung kreiert.

Barbara Kruger, Untitled (Beginning/Middle/End) © Roberto Marossi

 

Wenn man sich dann nach rechts wendet und den letzten Abschnitt des Arsenale-Raums hinuntergeht, gelangt man zum eigentlichen Abschluss der Ausstellung des Gebäudes: Precious Okoyomons Installation To See the Earth Before the End of the World (2022), ein hügeliger Garten voller buschiger menschlicher Gestalten, einem grollenden abstrakten Soundtrack, einem sich schlängelnden Pfad und einem echten Bach. Es könnte darum gehen, Sie in Einklang mit der Erde zu bringen. Oder es könnte die Vorahnung einer entvölkerten Welt sein. Okoyomons Zimmer scheint die Geheimnisse des Leigh/Ayón-Zimmers und die Ängste des Krüger-Zimmers in sich zu vereinen und in der Schwebe zu halten. Man gelangt von einem Gefühl der Verwurzelung in der Tradition und der Vergangenheit zur Konfrontation mit einer aufgeladenen Gegenwart und einer Zukunft, die in beide Richtungen gehen könnte.

Precious Okoyomon, To See the Earth Before the End of the World (2022) © Roberto Marossi

 

Die Ausstellung im Zentralpavillion beginnt mit einem schwindelerregenden Blickfang, Katharina Fritschs lebensgroßem Elefanten auf einem Sockel. Ihre einfarbigen Tierskulpturen machten die Düsseldorfer Künstlerin weltberühmt, bei der diesjährigen Biennale erhielt sie für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen.

Katharina Fritsch, Elephant, 1987 © Marco Cappelletti

 

Weiter zu den berühmten Pavillons in den Giardini. Von Ägypten bis Venezuela sind in diesem Jahr 79 nationale Beiträge zusammengekommen. Hier bei uns ein kurzer sehr persönlicher Überblick.

Für den Pavillon der USA zeichnet sich in diesem Jahr die amerikanische Künstlerin Simone Leigh verantwortlich, die für ihren Beitrag eine Reihe figurativer Skulpturen aus Keramik, Bronze und Bast schuf. Schon außerhalb des Gebäudes beginnt die Ausstellung mit der Installation, die den Pavillon mit einem Strohdach bedeckt und der Bronzeskulptur Satellite. Die Künstlerin widmet sich in ihrer Arbeit vor allem den Themen Geschichte, Rasse und Geschlecht mit einem Bezug zur westafrikanischen Kunst des 19. Jahrhunderts. In der wechselnden Verwendung von Bronze, Bast, Stahl und Keramik, zwischen Figurativem und Abstraktem, zeigt sich Leighs kreative Sprache in einem reichen kulturellen Rahmen gebettet.

Die Skulptur »Brick House« von der Künstlerin Simone Leigh im Arsenale, für die sie den Goldenen Löwen für den besten Beitrag gewann.© Roberto Marossi

 

Nachhaltig beeindruckend – wobei das immer eine sehr persönliche Sicht ist – war der griechische Pavillon. Die Künstlerin und Filmemacherin Loukia Alavanou schafft einen virtuellen Raum, in dem sich das Publikum auf eine utopische Reise durch Zeit und Raum begibt. Ihre Arbeit erzählt die Geschichte von Ödipus auf der Suche nach Kolonus, dabei gelingt es ihr, die kulturelle Vergangenheit des klassischen Griechenlands mit der sozialen Realität von heute zu verbinden.

 

Loukia Alavanou , Besucher im griechischen Pavillon, mit einer VR-Brille ausgestattet © Marco Cappelletti

 

Etwa 1000 km südöstlich fand ungefähr zur gleichen Zeit die 14. Ausgabe der Manifesta statt. In diesem Jahr mit einem 100-tägigen Programm. Die europäische Nomaden-Biennale, die sich alle zwei Jahre eine neue Heimat sucht, fand sie in diesem Jahr in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina. Bis Ende Oktober präsentierte die Manifesta 14 Prishtina ein 100-tägiges interdisziplinäres Programm mit künstlerischen und urbanen Interventionen, Performances, Events und Workshops. Wobei der Schwerpunkt ganz klar auf städtebauliche Beiträge lag. So verstand sich die diesjährige Manifesta als Antwort einerseits auf die weltweite Notwendigkeit öffentliche Räume neu zu gestalten und sie ihren Bürgern zurückzugeben, andererseits auf den direkten Aufruf der Stadt Prishtina nach eben diesen urbanen Maßnahmen. In enger Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern, Architekten und Organisationen wurde das künstlerische Programm mit dem Titel it matters what worlds world worlds: how to tell stories otherwise entwickelt.

   

Installation view, 2022, © New Grand (Arbnor Karaliti, Valdrin Thaqi) Photo © Manifesta 14 Prishtina, Majlinda Hoxha

 

Under the Sun – Explain What Happened , 2022, © Flaka Haliti. Photo © Manifesta 14 Prishtina, Ivan Erofeev

 

Zum Schluss werfen wir noch einen kurzen Blick auf die diesjährige Documenta, die exklusiver nur alle 5 Jahre in Kassel ihre Türen öffnet.

Das Logo der diesjährigen Documenta 15

Die 15. Ausgabe der Documenta sorgte auch dieses Mal für einige Kontroversen, die sich allerdings verglichen mit früheren Ausgaben als aufrührerischer erwiesen. Mehrfache Vorwürfe von Antisemitismus und Rassismus wurden sowohl gegen die Organisatoren und Teilnehmer der Ausstellung als auch gegen die Kasseler Bürger erhoben, was zu einem Streit führte, der den Inhalt der Ausstellung mächtig überschattete. Zudem äußersten sich führende deutsche Politiker zu diesem Fall, sodass man das Gefühl bekam, in den Zeitungen abseits dessen nichts mehr lesen zu können, nichts über die Kunst selbst.

Wir möchten Ihre Aufmerksamkeit ebenfalls ganz exklusiv auf dieses Exponat richten.

documenta fifteen: Cinema Caravan und Takashi Kuribayashi, Screening in Outside of Mosquito Net (Out of the Loop), 2022, Karlswiese, Kassel, 19. Juni 2022, Foto: Nils Klinger

Seit seiner Zeit in Deutschland in den 90er Jahren schafft Takashi Kuribayashi Installationsarbeiten, die sein ausgeprägtes Bewusstsein für Räumlichkeit zeigen. Insbesondere das Thema der Grenzen hat er in Japan und im Ausland in großformatigen Installationen präsentiert. Seit einigen Jahren arbeitet er mit Cinema Caravan zusammen, wie hier bei der 15. Documenta. Ihr Einsatz widmet sich dem Konzept NO ART MAKE FRIENDS, mit der sie uns Zuschauer in neue Welten und eine neue Ära entführen wollen.

Schon eine dieser weltweit bekannten und anerkannten Veranstaltungen vermag die Auffassungsgabe eines Menschen zu sprengen, und wie immer kann man nur einen Bruchteil dessen sehen und bewundern, was sich einem offenbart. So verharren wir der Dinge mit dem Nachhall beeindruckender Impressionen und warten gespannt auf das Kommende.

by Violeta Berisha